Süder- und Norderbootfahrt

Kategorie: ueber Eiderstedt
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17. Jahrhundert: Eiderstedt im Wohlstand - Per Bootfahrten einst an den Welthandel angeschlossen


Eiderstedt: Im Jahr 1544 teilte der dänische König, der zugleich Herzog von Schleswig und Holstein war, die Herzogtümer zwischen sich und seinen beiden Stiefbrüdern Johann und Adolf auf. Letzterer erhielt den nach seiner Hauptresidenz benannten Gottorfer Anteil, zu dem auch die wohlhabende Landschaft Eiderstedt gehörte. Herzog Adolf setzte alles daran, die Wirtschaftskraft der Bauern an der Westküste, besonders auch in Eiderstedt, zu erhalten und zu fördern.

Das führte dazu, dass er mit den kenntnisreichen Holländern, die aus Glaubensgründen ihre Heimat verlassen mussten, den Deichbau vorantrieb und somit Flächen schuf, auf denen mehr Waren produziert wurden als für den Lebensbedarf der dort wirtschaftenden und lebenden Bevölkerung nötig waren. Auch seine Nachfolger, insbesondere aber Herzog Johann Adolf, der am 18. Oktober 1590 die Regentschaft übernahm, waren daran interessiert, den Handel und damit die eigenen Einnahmen zu fördern. Der herzogliche Beamte für Norderdithmarschen und Eiderstedt, Staller Caspar Hoyer, machte sich Gedanken, wie sich wohl bessere und effizientere Vermarktungsstrategien erschließen ließen. Probleme bereitete der Warentransfer insbesondere im Herbst, Winter und Frühjahr, wenn die Wege in der Eiderstedter Marsch für Menschen und Tiere grundlos und unpassierbar waren. Mit Hilfe der ins Land geholten Holländer entwickelte er Pläne für Wasserstraßen. Als Caspar Hoyer im Jahre 1594 starb, fehlten aber noch das Geld und die Fachkräfte für die Realisierung. Erst sein Sohn, Staller Hermann Hoyer, konnte die Gelder für den Bau dreier Bootfahrten einwerben.


Das komplexe Vorhaben wäre vielleicht trotz aller Bemühungen gescheitert, wäre ihm nicht zur rechten Zeit ein genialer Ingenieur, der legendäre holländische Deichbaufachmann Johann Clausen-Kothen (Johann Rollwagen) vom Herzog Johann Adolf zur Seite gestellt worden. Dieser brachte die "Innovation Schubkarre" nach Eiderstedt. Und so konnten in für damalige Verhältnisse ganz kurzer Zeit diese für den Handel und für die Wirtschaft enorm wichtigen Wasserstraßen mit Hafen- und Schleusenanlagen gebaut werden. Zwischen 1611 und 1613 entsteht die Norderbootfahrt von Tönning bis Tetenbüll, sowie der Tönninger Hafen, ferner die Süderbootfahrt von Garding bis Katingsiel sowie die Häfen Garding und Katingsiel, die Schleusen in Tönning und Katingsiel und die Brückhäuser.

Das im Binnenland liegende "Städtlein" Garding war durch die 6,5 Kilometer lange Bootfahrt an den Welthandel angeschlossen und erlebte einen wirtschaftlichen Aufschwung. Im Jahr 1615 wurde eine dritte künstliche Wasserstraße, die so genannte "Nye gruft" oder Binnenfahrt als Verbindungskanal zur Norderbootfahrt eingerichtet. Damit wollte der Herzog einen erhöhten Verkehr und Warentransfer nach Tönning ziehen, aber gleichzeitig auch einen Warenaustausch zwischen Garding und Tönning (beide erhielten am 12. Oktober 1590 das Stadtrecht) intensivieren.

Diese Maßnahme hat wohl nicht allen in der Landschaft ins Konzept gepasst, denn die Rivalität zwischen den Landen Eiderstedt (Hauptort Tönning) und Everschop (Hauptort Garding) scheint damals sehr groß gewesen zu sein. Deshalb wurde die Binnenfahrt bereits ein paar Jahre später wieder aufgegeben. Die Gesamtlänge aller drei Bootfahrten betrug 27 Kilometer.

Von Garding erfolgte der Warenaustausch über die Süderbootfahrt mit Treidelschiffen, die man als "Boier" bezeichnete. Sie hatten eine vierkantige Form, waren sechs Meter lang und konnten 200 Säcke (bis zu 200 Pfund pro Sack) laden. Der "Boier" benötigte für die Strecke von Katingsiel bis Garding-Hafen rund drei Stunden. Im Hafen wurden die Güter mittels "Wuch", das war ein zweiarmiger Hebekran mit einem langen und einem kurzen Arm, entladen oder beladen. In Katingsiel fand die Be- und Entladung bei "Liekwater" statt. Das heißt, bei Wassergleichstand in der Eider und in der Bootfahrt fuhr der "Boier" durch die Schleuse und ging am Seeschiff längsseits. Die Beladung fand vom Seeschiff aus mit Taljen statt.

Lebendvieh, Butter, Getreide, Käse, Wolle, Häute und Fleisch sowie Rapsöl wurden ausgeführt und Bauholz, Kolonialwaren, Tabak und Brennmaterialien eingeführt. Nachweisbar ist, dass jährlich über die Häfen Tönning und Garding insgesamt rund drei Millionen Pfund Käse ausgeführt wurden. Auch wurden in beiden Städten Messing- und Kupferwaren hergestellt. Neue Berufszweige wie Fischer, Takler, Schiffer und Treidler siedelten sich an.

An der zehn Meter breiten Süderbootfahrt gab es nachweislich sechs Brücken und mindestens zwei Brückhäuser. Das eine ist wieder hergerichtet am "Brückhausweg" in Kirchspiel Garding und das andere stand in der Kurve, von Garding aus gesehen, bei der Hülkenbüller Brücke. Obwohl es bis Katingsiel noch weitere vier Brücken gab, werden keinerlei weitere Häuser erwähnt. Diese Gebäude werden zweierlei Funktionen gehabt haben. Dort wohnten die Brückenwärter, die die Brücken öffneten und schlossen. Außerdem werden es Wirtshäuser und vielleicht auch Treidelstationen gewesen sein. Ferner war dort ein Schott, eine Staustufe. Es wurde Wasser zurückgehalten, damit auch auf dem höher gelegenen Teil genügend für die Schifffahrt vorhanden war, damit die flachen Boote auch tatsächlich in den Hafen fahren konnten. Die Schotts und Brücken verlangten ständige Aufsicht und Übersicht, weshalb wohl die Wärter häuser an den übersichtlichen Ecken gebaut wurden.

Die Bootfahrten waren von Anfang an kostspielige Wasserwege, deren Unterhaltung viel Geld erforderten. Von daher sollten sich alle Gemeinden an den Kosten beteiligen, was zu großem Unmut bei den Kommunen führte, die nicht unmittelbar von dieser Maßnahme profitierten. Der Herzog verfügte im Hinblick auf eine neue und bessere Wasserlösung, dass sich auch Tating, Sankt Peter, Ording, Westerhever, Poppenbüll und Katharinenheerd "...wegen guter nachbarlicher Freundschaft und weil es auch ihnen selbst zum besten sei..." und "...um Friede und Einigkeit, und den Nachkommen Wohlfarth befördern zu können..." an den Folgekosten zu beteiligen hätten. Erst mit dem Bau der Chaussee von Tönning nach Garding im Jahr 1842 und mit der Anbindung Gardings an das Schienennetz am 15. Oktober 1892, büßte die Süderbootfahrt ihre Bedeutung für den Warentransfer mit der Konsequenz ein, dass der Gardinger Hafen in drei Abschnitten, in den Jahren 1896, 1905 und 1920 zugeschüttet und verfüllt wurde.

Heute dient die Süderbootfahrt als Entwässerungskanal und nichts deutet mehr darauf hin, welche wirtschaftliche Bedeutung diese künstliche Wasserstraße fast 300 Jahre lang für die Landschaft und für den Lebensstandard der Menschen hatte. Vorhanden ist am Hafenplatz in Garding noch der alte Speicher. Einige Segmente der Süderbootfahrt zeugen heute noch von der Großartigkeit des größten von Menschenhand geschaffenen Renaissancewasserbauwerks auf Eiderstedt.


[Quelle: Husumer Nachrichten ]