Das Mädchen mit den Raben im Haar

Kategorie: Klönschnack
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Vor langen, langen Zeiten war es, da starb einer Frau der Mann und einem Mann die Frau. Jeder von ihnen hatte ein Kind, die hießen Christer und Nicoline. Sie waren Nachbarskinder und spielten zusammen, seit sie denken konnten, und immer hatten sie sich gemocht und waren Freunde gewesen. Christer was für Nicoline eingestanden und sie für ihn, und wenn einer einen Streich oder Schabernack verübt hatte, konnte keiner bestraft werden, weil der andere sich sogleich für mitschuldig erklärte, so dass die Eltern nicht herausfinden konnten, wer denn nun der eigentliche Übeltäter gewesen war.
Nur einmal, an einem Sonntag, als Christer ganz allein die Kirchenbänke mit farblosem Kleister bestrichen hatte, so dass ohne Rücksicht auf Rang jeder, ob Fischer, Pfarrer oder Ratsherr, daran klebengeblieben war, da ging diese Rechnung nicht auf. Denn das war dann doch so arg gewesen, dass beide bestraft werden mussten:
Christer wurde ins Haus und Nicoline in den Kuhstall gesperrt. Der Junge sprang jedoch durch ein Fenster hinaus und kletterte zu Nicoline in den Stall, um ihr Gesellschaft zu leisten.
Oh, dort ging es dann lustig zu! Die beiden vergnügten sich damit, unter die Kühe zu kriechen und sich die frische, warme Milch in den Mund laufen zu lassen.

Der Vater entdeckte wenig später zwar das Verschwinden des Jungen, aber Christer wurde nicht weiter dafür bestraft; denn sein Vater, der selbst Nicolines Mutter liebte, wusste, wie schwer es sein kann, getrennt zu sein, und sei es nur für kurze Zeit.Bald darauf errichtete Christers Vater eine Warft am Ufer des Meeres, setzte ein schönes Haus auf diesen Hügel, der das Haus vor den anrollenden Fluten schützen sollte, und heiratete Nicolines Mutter.
Ja, da war die Freude groß! Eine glückliche Familie waren sie jetzt, alle vier lebten in schönster Eintracht miteinander, bis..., ja, bis eines Tages eine schreckliche Sturmflut kam, die das ganze Land verschlang mit Haus und Hof und Vieh und Tausenden von Menschen. Auch das neue Haus stürzte ein und ging unter in der zornigen weißen Gischt, und die Eltern kamen ums Leben. Einzig Christer und Nicoline konnten sich retten, denn der Junge zog seine Spielgefährtin gerade noch rechtzeitig auf einen großen gebündelten Heuhaufen, den er in die Scheun hätte fahren sollen, und sie klammerten sich daran fest und fuhren über das Meer, ohne unterzugehen oder Schaden zu nehmen. Viele Tage schwamm das Heubündel auf den Wellen, bis es endlich an Land getrieben wurde. Christer und Nicoline fassten sich an den Händen wie zwei Kinder im dunklen Wald. „Wir haben alles verloren, wir müssen auf eigenen Füßen stehen“, sagte der Junge. „Aber du brauchst keine Angst zu haben, Nicoline, denn wir sind ja beisammen, da kann uns nichts passieren!“
Sie wanderten durch grüne, fruchtbare Wiesen, auf denen Lämmer und Kühe grasten, und wurden immer zuversichtlicher. Hier mussten doch Menschen leben! Da hob Nicoline den Arm. „Sieh, dort hinten liegt ein Dorf. Vielleicht finden wir da ein Quartier, wo man uns aufnimmt.“ Das Dorf wirkte freundlich und anheimelnd mit seinen einfachen strohgedeckten Hütten und dem kleinen Hafen. Vor den meisten Häusern wuchsen Rosenbüsche, und hinter dem Dorf erstreckte sich eine wunderbare Blumenwiese mit wildem roten Klatschmohn und Hahnenklee und sonderbaren, großen, blauen Blumen, die Schmetterlingen ähnlich sahen. Ganz in der Ferne, hinter der Wiese, stand wie ein Dom ein grüner Wald mit hohen Bäumen. Christer und Nicoline fanden bei einer alten Witwe ein neues Zuhause, die froh war, wieder etwas junges ins Haus zu bekommen.
„Aber nehmt euch in acht“, sagte sie, „vor der schönen Blumenwiese hinter dem Dorf. Wenn ihr sie betretet, wird es euer Tod sein!“ Sie erzählte, dass ein sonderbarer Fluch über der Wiese und dem Dorf läge. Vor langen, langen Zeiten hatte nämlich auf der Wiese ein Schloss gestanden, in dem ein König mit seiner Tochter lebte, die Aleke hieß. Diese Tochter liebte einen armen Fischer aus dem Dorf und wollte ihn heiraten, und weil der König Aleke über alles liebte und ihr nicht weh tun wollte, stimmte er unter der Bedingung zu, dass der Fischer mit Aleke im Schloss wohnen sollte.

Schon bald sollte die Hochzeit gefeiert werden, ein rauschendes Fest. Aber vorher wollte der junge Fischer nach Gent und Brabant segeln, um geklöppelte Spitze und einen schönen, silbernen Brautschmuck für Aleke zu erwerben. Zur Zeit, als er zurückkehren sollte, klopfte es am Schlossportal, doch als Aleke öffnete, um den Bräutigam einzulassen, war vor diesem nichts mehr zu sehen. Nur in der Ferne bemerkte sie eine schemenhafte, dunkle Gestalt, nass und mit Tang und Seepflanzen behangen, die ihr einen stummen Gruß zuwinkte; zu ihren Füßen, vor dem Tor, war eine Wasserlache. War es der junge Bräutigam, der junge Fischer, der als Wiedergänger zu ihr zurückgekehrt war? Aleke ging zum Strand hinunter und wartete dort regungslos drei Tage und drei Nächte.
Gegen Abend des dritten Tages erblickte sie das Schiff ihres Bräutigams, es schien in den Hafen einlaufen zu wollen, und an der Reling stand der junge Fischer und winkte ihr.
Die alte Frau schwieg.
„Und dann?“ drängte Christer. „Was geschah dann?“
„Man hat Aleke, die Königstochter, nie wieder gesehen“, sagte die alte Frau. „Nur ihr Schal und ihre Schuhe blieben am Ufer zurück. Ihr Vater, der König, war außer sich vor Gram und Kummer. Sein ganzer Zorn richtete sich gegen den jungen Fischer, der die Tochter mit in den Tod genommen hatte. So sprach er, ehe er fortzog und das Schloss verfallen ließ, einen Fluch über unser Dorf aus...“
„Was für einen Fluch?“ fragte Nicoline entsetzt.
Die alte Frau stieß einen tiefen Seufzer aus. Sie senkte die Stimme. „Seit jener Zeit haben wir niemals mehr einen Menschen begraben können, denn jeder, der hier stirbt, verwandelt sich...“, die alte Frau schien Schwierigkeiten zu haben, das Schreckliche auszudrücken, „verwandelt sich in einen Raben.“ Sie sagte es mit leiser, schamerfüllter Stimme.
„Ja, es genügt schon, diese wunderbare Blumenwiese zu betreten, um die Menschengestalt zu verlieren! Dort hinten am Waldesrand, wo früher das Schloss stand, könnt ihr sie des Abends sitzen sehen, die Raben. Aber einmal im Jahr, da kommt eine große Kogge mit schwarzen segeln und nimmt sie mit, nimmt sie mit in ihr Totenreich. Nicht einmal ein Grab bleibt uns!“ Die alte Frau fing bitterlich an zu weinen.
„Was für ein Unsinn, was für ein schwarzer Aberglaube!“ rief Christer, als er mit Nicoline allein war. „Mein Vater hat mich jedenfalls gelehrt, solche Dinge nicht zu fürchten. Nun, ich hätte gute Lust, diese Sache zu untersuchen.
Machst du mit?“
Aber Nicoline schüttelte den Kopf. Inständig bat sie Christer, die Finger davon zu lassen. „Musst du dich denn immerzu in Gefahr begeben?“ fragte sie verzweifelt, als nichts fruchtete. „Ich bitte dich sehr, lass diese Dinge auf sich beruhen! Oder willst du etwa sagen, dass die alte Frau verrückt ist?“ Nein, meinte Christer, keineswegs, verrückt nicht, nur beschränkt wäre sie, eingeschüchtert, voller Angst. „Wir können ihr helfen, Nicoline“, sagte er eifrig. „Wir müssen sie von ihrem Aberglauben befreien, nur damit können wir ihr vergelten, was sie für uns getan hat!“
Ja, und dabei blieb er, so sehr Nicoline auch versuchte, ihn umzustimmen. Wenig später, es war Abend und die Sonne färbte den westlichen Himmel glühendrot, machte Christer wahr was er angekündigt hatte: Er verließ das Haus und wanderte frohgemut auf die Blumenwiese zu. Bis an den Wiesenrand begleitete Nicoline ihn, versuchte noch einmal, ihn zurückzuhalten, aber Christer ging unbeirrt weiter. Als er ein Stück gegangen war und nun mitten zwischen den Gräsern und Blumen steckte, drehte er sich lachend um. „Du solltest mitkommen“, rief er, „hier ist es so unbegreiflich schön...Schau, wie das Gras so hoch steht, und all die duftenden Blumen, und die Schmetterlinge...Hörst du, wie die Grasmücke schlägt? Es ist die schönste Wiese, die ich je gesehen habe, und ich wollte, du würdest dich mit mir freuen!“
„Komm zurück, Christer, komm zurück, begib dich nicht in Gefahr!“ rief Nicoline angstvoll, aber Christer wandte sich lachend um und ging weiter über die Wiese, auf den Waldrand zu. Da auf einmal hatte Nicoline eine merkwürdige Erscheinung: Vor ihren Augen bildete sich am Waldesrand ein Schloss mit vielen Türmen, es schien aus Glas und Dunst zusammengesetzt, war aber doch deutlich zu erkennen. Und in eben diesem Augenblick schien Christer die Freitreppe des Glaspalastes hinaufzusteigen. Während das Mädchen noch auf diese Erscheinung starrte, flog aus der Wiese ein Rabe auf und zog, ängstlich kreischend, sein Kreise. Es schien, als wolle er auf sie zufliegen, weg vom Wald und dem Schloss, aber eine seltsame Luftströmung trug ihn immer weiter von Nicoline fort, immer näher zum Schloss hin, das in der roten Sonnenglut langsam verblasste. Und nun sah Nicoline sie auch dort sitzen, zahllose Raben in den Ästen der Bäume, und manchmal flogen sie wie eine schwarze Wolke hoch hinauf in den roten Himmel.
„Christer“, flüsterte Nicoline, „Christer!“
Er kam nicht, so lange sie auch rief und wartete. Es durfte, es konnte doch nicht sein, dass er verzaubert worden war, verwandelt in einen Raben! Nicoline weigerte sich, das Schreckliche zu glauben.
Christer musste recht haben: Es war alles nur dummes Gerede gewesen, schwärzester Aberglaube, was sonst?
Aber dennoch, Christer kehrte nicht zurück, auch nicht nach Tagen oder Wochen. Statt dessen besuchte Nicoline täglich ein Rabe. Schon am frühen Morgen saß er auf dem Fensterbrett, tagsüber flog er um sie herum oder saß auf ihrer Schulter, und manchmal kam es Nicoline so vor, als streichle sein weicher Flügel ihre Wange. Einmal, als sie es wagte, ihm in die Augen zu sehen, erschrak sie aus tiefstem Herzen:
Es waren Menschenaugen, in die sie blickte, es waren Christers Augen!

Nun war jede Hoffnung dahin, dass er doch noch in Menschengestalt zurückkommen könnte. Der Fluch hatte gewirkt, Christer, den sie so sehr geliebt hatte, war unwiederbringlich verloren. Nicoline weinte sehr, als sie das erkannte, bis der Rabe kam und mit seinem Gefieder ihre Tränen trocknete. Von da an waren die beiden unzertrennlich. Nicoline streute dem Raben Futter in ihr Haar, und er saß darin wie in einem Nest. Es störte sie nicht, dass auch andere Raben kamen und sich am Futter bedienten – sie kannte Christer immer heraus. Auch dass die Rede ging, dass sie sonderbar wäre, und dass man sie „Das Mädchen mit den Raben im Haar“ nannte, störte Nicoline nicht, solange sie beide nur zusammen waren.
Doch auch dieses Glück, so schmerzlich es war, schien bedroht. Eines Tages kam die Witwe ganz aufgeregt in Nicolines Kammer. „Schau aus dem Fenster, Nicoline, dann wirst du sie sehen, die schwarze Kogge“, rief sie in wildem Entsetzen, „sie nähert sich unserer Küste mit vollen Segeln!“
Als Nicoline in den Hafen kam, sah auch sie die Kogge mit den geblähten schwarzen Segeln, doch als sie noch einmal schärfer hinsah, bemerkte sie voller Grauen, dass diese schwarzen Segel nicht, wie üblich, aus Tuch waren, sondern aus – Raben bestanden! Dicht an dicht saßen sie in den Tauen und bildeten mit ihrem Körpern die Segel. Angstvoll schloss Nicoline die Hände um das Gefieder ihres Raben. „Was sollen wir nur tun, Christer, was sollen wir nur tun?“ flüsterte sie verzweifelt. Da war es ihr, als höre sie eine dunkle, sanfte Stimme an ihrem Ohr, die flüsterte nur ein einziges Wort: „Önnerkänkissen!“
Erstaunt sah Nicoline auf. Wer hatte ihr diesen Namen eingegeben? Er erinnerte sie an ein altes Märchen, das ihr die Mutter einst erzählt hatte. Sie sah niemanden, aber nicht weit von ihr saß eine blaue Möwe auf einem Pfahl, die ihren Blick zu erwidern schien. Und noch etwas bemerkte Nicoline: Die Kogge mit den Raben war unmerklich ein ganzes Stück näher gekommen, sie machte sich bereit, in den Hafen einzulaufen. Höchste Eile war also geboten!
So schnell sie konnte, lief Nicoline nach Hause. Dort kochte sie ein Festmahl mit mehreren Gängen, suchte dann nach einem besonders schönen Tonkrug und tat von jedem Gang ein kleines bisschen hinein. Dabei versuchte sie verzweifelt, sich an das Märchen zu erinnern. Was hatte die Mutter erzählt? In alten Grabhügeln lebten die Önnerkänkissen, das Volk der Unterirdischen... Und manchmal, wenn man viel Glück hatte und ihnen gutes Essen brachte, halfen sie einem auch aus der Not. Mit dem Krug in der Hand eilte Nicoline auf die abgeernteten Felder zu, auf denen sich mehrere Grabhügel erhoben.
Beim ersten machte sie Halt. Sie setze sich nieder und rief die Önnerkänkissen ganz leise beim Namen. Sie musste noch ein paar Mal rufen, bis es auf einmal hinter ihr raschelte und ein winziges verhutzeltes Wesen mit erdbraunem Gesicht fragte, was sie denn wünsche.
Nicoline spürte ihr Herz klopfen. Mit flatternder Stimme erzählte sie ihre Geschichte und schloss dann mit der dringlichen Bitte, ob die Önnerkänkissen ihr nicht helfen könnten in ihrer Not? Das hässliche Wesen betrachtete Nicoline prüfend, ebenso den schwarzen Raben mit den Menschenaugen, der auf ihrer Schulter saß. „Es ist höchste Zeit!“ rief Nicoline verzweifelt, „Christer kann nicht mehr lange bei mir bleiben.

Sieh, wie der Wind ihn immer stärker fortzutreiben sucht! Er muss sich ja schon mit aller Kraft an mich klammern. Ihr sollt es auch nicht umsonst tun, schau her, was ich euch mitgebracht habe.“ „Wir werden dir helfen, Menschenkind“, sagte das hässliche Wesen, „aber ein Festmahl als Belohnung genügt nicht. Ich will deine Augen haben!“ Nicoline erschrak zutiefst. „Meine Augen? Aber wofür? Nein, die kann ich dir nicht geben!“ Das Wesen vor ihr stieß einen Pfiff aus, und bald darauf stand ein zweites Wesen vor Nicoline, das noch viel hässlicher war als das erste, denn statt der Augen hatte es nur zwei weiße, leere Kugeln im Gesicht. „Das ist meine arme Tochter, die ist blind wie ein Maulwurf“, sagte das Wesen, das zuerst dagewesen war. „Für sie will ich deine Augen haben. Verstehst du nun? Keine Angst, du wirst nicht entstell aussehen, denn ich werde dir ein paar schöne, blaue Glasaugen dafür geben. Ist das nichts? Dafür wirst du deinen Christer für immer behalten können.“ Wieder kam ein heftiger Windstoß, der den Raben beinahe in die Lüfte gehoben hätte.
„Ja, ja“, sagte die arme Nicoline eilig, „ich bin einverstanden. Sag mir nur, was ich tun muss.“ Das sonderbare Wesen lachte. „Du musst gar nichts tun. Ich werde bei der Traumgöttin für dich bitten, dass sie dir einen Traum schenkt, der wahr wird. Dann seid ihr gerettet, Christer und du, und werdet euer Leben lang beisammen sein. Bist du einverstanden?“
Ungeduldig nickte Nicoline. „Ja, aber ja! So mach doch schon, beeile dich!“
Das hässliche Wesen lächelte, dann legte es beide Hände sanft über Nicolines Augen.
Nicoline versank augenblicklich in einen tiefen Schlaf. Darin träumte sie von einer schönen, friedlichen Küste mit einem tiefblauen Meer und weißen Dünen, mit grünem Strandhafer, Wäldern und Seen und funkelndem Bernstein am Ufer. Hoch darüber hinweg flogen zwei wilde Schwäne, die sehr schön anzusehen waren, mit herrlichem weißem Gefieder. Sie hielten sich eng aneinander, flogen in völligem Gleichklang, jede Bewegung des einen entsprach der Bewegung des anderen. Beide Schwäne hatten blaue Augen, doch der eine schien blind zu sein, denn er wurde vom anderen durch Stimme und Flügelschlag geleitet. Unglücklich war er aber wohl nicht. Das Rauschen des Meeres, das Rascheln des Windes, der durch Gras und Baumwipfel strich, die Stimmen der Vögel und der Duft der See, des Harzes und der Blumen, das alles war ihm ja geblieben. „Das könnte mir gefallen“, flüsterte Nicoline im Schlaf und lächelte.
Wenig später stiegen vom Grabhügel auf den abgeernteten Feldern zwei wilde Schwäne hoch in den Himmel empor, mit weißen Gefieder und blauen Menschenaugen, und eine blaue Möwe gab ihnen noch lange Geleit.

 

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