Knaben sprechen Recht

Kategorie: Klönschnack
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Nicht weit von der Mündung der Wieda in der Nordsee – dort, wo die Flut sehr tief ist und seine Ufer steil sind und hoch – fiel ein Mann, der nicht schwimmen konnte, ins Wasser und rief laut um Hilfe. Zum Glück waren Menschen in der Nähe, und rasch griff einer von ihnen nach einer langen Stange und lief herzu, um dem Ertrinkenden damit ans Ufer zu helfen. Er stieß dabei aber dem Verunglückten, der zu hastig nach der Stange griff, mit ihrer Spitze ein Auge aus. Dieser verklagte daraufhin seinen Retter auf Schadenersatz.
Die Klage kam vor das Thing. Doch konnte sich der Hardesvogt nicht entschließen, ein Urteil zu fällen, denn er fürchtete, in jedem Falle einem von ihnen irgendwie Unrecht zu tun. Darum schob er die Entscheidung bis zum nächstjährigen Gerichtstag auf. Als das Jahr um war und die Sache von ihm nun unbedingt so oder so entschieden werden musste, war sich der Hardesvogt über sie noch um kein bisschen klarer geworden. Er wusste sich durchaus keinen rat, und er war deshalb auf seinem Ritt nach Tondern, wo das Thing stattfinden sollte, recht missmutig und niedergeschlagen. So kam er auch an dem kleinen Dorf Rohrkarrberg vorbei, und da sah er an einem großen Steinhaufen drei Knaben stehn, so etwa elf oder zwölf Jahre alt, die sich zu streiten schienen, denn sie sprachen laut und lebhaft aufeinander ein.
„He, he, ihr Jungen!“ rief ihnen der Hardesvogt zu, „könnt ihr nicht Frieden halten miteinander?“  „Aber wir streiten uns doch gar nicht!“ bekam er zur Antwort. „Wir spielen doch bloß.“ „So. Und was spielt ihr denn?“ „Thing spielen wir!“ riefen alle drei wie aus einem Munde. Begierig, zu erfahren, um was es da wohl gehe, hielt der Hardesvogt sein Pferd an, und einer der kleinen Flachsköpfe, die ihn ja nicht kannten, erklärte es ihm:
„Dies hier ist der Mann, der in die Wiedau fiel. Und da steht der, der ihm mit der Stange zu Hilfe kam und ihm dabei ein Auge ausschlug, ihm aber den verlangten Schadenersatz verweigert.“
„So, und da solltest du wohl Recht spielen, du kleiner Hardesvogt?“
„Ja, das soll ich!“
„Oh, das dürfte gar nicht so leicht sein“, antwortete der Reiter.
Da lachte der Knabe ihn an. „Aber das ist doch ganz einfach, Herr! Ich lasse den Kläger genau wieder an der Stelle, an der er damals hineinfiel, in die Wiedau werfen – und kann er sich alleine heraushelfen, so muss der, der ihm das Auge herausstieß, den Schaden bezahlen! Ertrinkt er aber, dann ist die Sache erledigt, denn es gibt keinen Kläger mehr!“
Als der Hardesvogt aus dem Munde eines Kindes dieses Urteil hörte, verschlug es ihm vor Staunen die Sprache. Dann lächelte er plötzlich, nickte dem Knaben freundlich zu, ritt zum Thing und sprach dort Recht nach der Weisheit des Kindes. Doch der Kläger bat händeringend, er möge ihm erlauben, seine Klage zurückzuziehen. Wollte er doch um alles in der Welt nicht ein zweites Mal in die Gefahr des Ertrinkens geraten!

 

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