In der Wolfskuhle

Kategorie: Klönschnack
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In früheren Zeiten gab es in Deutschland noch viele Wölfe, und auch die Länder an der Nordsee waren von ihnen nicht verschont. Deshalb gruben die Bauern in der Nähe ihrer Dörfer tiefe Kuhlen, die sie mit langen Stangen und Reisig leicht überdeckten. Dann banden sie eine Gans an einen Stecken und legten sie, das Ende des Steckens mit einem Stein beschwerend, mitten auf diese trügerische Fläche. Wenn nun die Gans schrie und der Wolf auf die willkommene Beute lossprang, fiel er in die Kuhle und war gefangen.

So machten es auch die Bauern in einem Dörfchen an der Eider. Und zwar musste reihum ein Hof nach dem anderen die Gans dazu liefern. Eines Tages nun kam die Reihe an eine Bauersfrau, die so geizig war, dass es ihr einen Stich ins Herz gab, als der Knecht das Tier wegbrachte. Deshalb ging sie, kaum dass es Abend geworden war, heimlich aus dem hause, denn sie dachte, wenn die Gans am nächsten morgen nicht mehr am Stecken sei, würden die Leute annehmen, der Wolf habe sie geholt.
Als sie die Gans von weitem schreien hörte, freute sie sich mächtig, denn sie hatte schon Angst gehabt, der Wolf könne ihr zuvorgekommen sein. Sie lief, so schnell sie in der Dunkelheit konnte, auf die Grube zu, griff nach dem Stecken, an dem das Tier festgemacht war, und wollte es über den Rand der Kuhle zu sich heranziehen. Doch das ging nicht so leicht, und wie sie sich damit abmühte, verlor sie den Halt und fiel in die Grube hinein. Da lag sie nun. Dabei war es so finster, dass sie die Hand nicht vor den Augen sah. Und ganz still war es auch. Sogar die Gans hatte aufgehört zu schreien.


Aber plötzlich, als sich die Augen der Bäuerin an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah sie ganz nahe vor sich zwei kleine grün und unheimlich schimmernde Lichter. „Der Wolf!“ zuckte es ihr durchs Hirn.
Und richtig, so war es auch. Ein Wolf hatte sich in der Grube gefangen, und sich – als er die Frau herunterpoltern hörte – erschrocken in eine Ecke gedrückt. Und die Frau erschrak nicht minder, als sie die Augen des Untiers auf sich gerichtet sah, und drückte sich in die andere Ecke.
So hockten die beiden die ganze Nacht. Der Wolf starrt die Frau an und regt und bewegt sich nicht, und die Frau lässt kein Auge vom Wolf und regt und bewegt sich ebenfalls nicht. Und kalt ist es und dunkel, eine Nacht ohne Mond und Sterne.

Endlich dämmerte der Morgen herauf, und der Knecht kam, um zu sehen, ob sich in der Kuhle ein Wolf gefangen hätte. Und wie er in der einen Ecke seine Bäuerin sitzen sah und in der andern das wilde Tier, blieb ihm vor staunen der Mund offen stehen.
„Bleib ganz still sitzen, Frau!“ rief er der Bäuerin zu. „Rühr dich nicht, ich hole die Leiter.“ Und so schnell er konnte, brachte er die Leiter und ließ sie in die Grube hinab. „Nun mach deine Röcke los, Frau“, sagte er, „denn wenn der Wolf zuspringt, muss er die erwischen, sonst geht’s nicht gut ab!“ Und die alte Frau nestelte am Gürtel und band die Röcke ab – und richtig, wie sie aufstand und die Leiter hinaufsteigen wollte, sprang der Wolf zu. Da ließ die Frau ihre Röcke fallen, und das Tier verbiss sich in den roten Unterrock und riss ihn in Stücke.


So kam die Bäuerin doch noch mit dem Schrecken davon. Und ganz gewiss hat sie nie wieder eine Gans von der Wolfskuhle weggeholt.