Von den Romöern zu den Büsumern

Kategorie: Klönschnack
Zugriffe: 2075

Die Menschen an der Waterkant können Spaß verstehen, und sie necken sich gegenseitig gern mit allerlei lustigen Geschichten.

So erzählt man sich von den Einwohnern der Insel Romö folgendes:


Als es einst bei ihnen Mode gewesen war, rote Jacken zu tragen, hatte Paul Moders, ein armer Robbenfänger und Transchlucker, das Geld nicht, sich eine zu kaufen. Und wenn man ihn mit seiner abgeschabten grauen Joppe, die er sommers wie winters trug, hänselte, so zuckte er nur verächtlich die Mundwinkel: „Ihr mit euren roten Jacken! Ich könnte auch eine haben, aber sie gefallen mir nicht!“
Nun hatten sich die Leute auf Romö für sämtliche Dörfer nur eine einzige Kirche bauen können, die begreiflicherweise genau in der Mitte der Insel stehen sollte, und die Erbauer meinten es auch ganz richtig getroffen zu haben. Aber als man eines Tages nachmaß, fand man heraus, dass sie zwei Ellen zu weit nach Norden stand.
Da war guter Rat teuer, denn die Leute von den südlichen Dörfern fühlten sich benachteiligt, und gar leicht hätte daraus ein großer Streit entbrennen können. Die Romöer beriefen deshalb eine Versammlung, auf dem lange und heftig hin und her geredet wurde. Doch sie konnten zu keinem Ergebnis kommen, bis Paul Moders aufstand und sagte: „Ich weiß nicht, warum ihr euch so ereifert, die Sache ist doch ganz einfach. Wenn einige wenige Menschen imstande waren, unsere Kirche zu erbauen, dann kann es uns gemeinsam doch nicht schwer fallen, sie ein wenig von der Stelle zu rücken. Wenn wir uns also alle zusammen gegen die Nordwand stemmen, so wird die Kirche in kürzester Zeit um zwei Ellen nach Süden gerückt sein.“

„Und wie soll man verhindern, dass sie dabei nicht etwa zu weit nach Süden zu stehen kommt?“ fragten da die Leute aus den nördlichen Dörfern, denn sie fürchteten nun ihrerseits in Nachteil zu geraten. „Oh, nichts leichter als das!“ antwortete der listige Robbenfänger. „Messt die zwei Ellen genau aus und legt an die Stelle, bis zu der die Kirche verschoben werden soll, eine rote Jacke!“
Das tat man denn auch, und dann ging es los. Mit ihren breiten Rücken stemmten sich die Männer der Insel gegen die Kirche und drückten und schoben, dass ihnen der Schweiß auf die Stirn trat. Nach einer Weile sagte Paul Moders: „So, nun will ich mal nachsehn, wie weit wir gekommen sind“, und er lief um die Ecke. Bald kam er auch schon wieder zurück und rief: „Halt! Es ist genug! Die rote Jacke ist nicht mehr zu sehen!“
Als Paul Moders am nächsten Sonntag zur Kirche ging, trug er eine rote Jacke. „Nanu“, sagten die Leute, „wir dachten, die gefielen dir nicht?“ „Ach“, meinte er, „ihr habt schon recht, zuerst mochte ich sie gar nicht leiden... aber da ich sie so oft an euch sah, hab ich mich eben dran gewöhnt!“

Aber nicht nur die Leute von den Inseln müssen es sich gefallen lassen, dass man über sie lacht, auch über die vom Festland weiß man sich manches zu erzählen:

Die Büsumer Schwimmer

Büsum ist unmittelbar an der Nordsee gelegen, und da ist es kein Wunder, dass seine Bewohner alle recht gute Schwimmer sind. So schwammen eines Tages neun Büsumer Burschen hinaus in die See, und als sie schon eine ziemliche Strecke zurückgelegt hatten, sagte der vorderste: „Nun will ich doch einmal zählen, ob wir noch alle beisammen sind und keiner von uns ertrunken ist.“ Und von einem zum andern blickend, begann er: „Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht – wahrhaftig,
da ist einer ertrunken!“
Als die anderen das hörten, wollten sie es zuerst nicht glauben. Dann begannen auch sie zu zählen, aber auch sie kamen stets zu dem gleichen Ergebnis, und so schwammen sie ganz bestürzt zurück und suchten alles ab, ob sie nicht wenigstens die Leich ihrer ertrunkenen Kameraden finden könnten.

Da kam ein Fremder vorbei, und der fragte sie nach dem Grund ihres Kummers. Und als sie ihm die traurige Geschichte erzählten, schüttelte er zunächst einmal verwundert lächelnd den Kopf. Dann aber gab er ihnen den guten Rat, doch einmal ihre Nasen in den Sand zu stecken und dann die Löcher zu zählen.
Gesagt, getan – und was konnten Sie glücklicherweise feststellen ? Richtig, es waren neun Löcher!


Die Büsumer und die Pferdesamen

Die Büsumer waren natürlich Fischer und fuhren mit ihren Booten auf die See hinaus. Dass es aber auch Fahrzeuge gibt, mit denen man auf dem Lande fahren kann, hatten sie noch nicht gewusst. Da kam eines Tages ein Bauer mit einem Pferdewagen in ihr Dorf, und aus allen Höfen strömten die Leute herbei, um ihn zu begaffen. Und vor allem das Pferd hatte es ihnen angetan: Der eine befasste es am Schweif, der nächste streichelte die Flanken, der dritte bewunderte die Mähne – und der vierte bückte sich und hob auf, was es hatte fallen lassen. Doch der Bauer war ein Schalk, und so sagte er:
„Gebt mir den Pferdesamen her! Den kann ich euch nicht lassen.“
Pferdesamen? Bei diesem Wort horchten die Büsumer auf. Potztausend, das wäre nicht ohne! In den Dünen ließe sich bestimmt ein Feld ausfindig machen, um ihn darauf auszusäen – und wenn er dann aufginge, würden sie Pferde haben, würden sich Wagen bauen und die Pferde davorspannen. Dann könnten sie ihre Fische weit über Land fahren und so einen viel besseren Preis erzielen als an der Küste. Sie wurden also mit dem Bauern handelseinig, kauften ihm den Pferdesamen um viel Geld ab und säten ihn in den Dünen aus. Nach einer Weile gingen sie hinaus, um nachzusehen, wie weit die Pferde wohl gediehen seien. Und da lag der Pferdesamen noch breit in der Furche, und als ihn einer mit dem Fuß berührte, kamen darunter eine Anzahl Mistkäfer hervor:
„O die niedlichen Fohlen!“ rief er ganz glücklich. „Kommt und seht, die sind aus den Samen ausgekrochen!“ Alle liefen herbei und freuten sich unbändig, als sie die Käfer sahen, zählten sie im stillen, überschlugen, welch guten Kauf sie gemacht hätten, und waren stolz darauf, was für kluge Leute sie doch seien.

Da kamen plötzlich ein paar Elstern angeflogen und pickten einen Käfer nach dem anderen auf. Umsonst warfen die Büsumer mit Steinen nach ihnen, sie trafen sie nicht. Und hätten die Elstern ihnen die Pferde nicht alle aufgefressen, als sie noch ganz klein waren, so hätten sie sicherlich aus dem Pferdesamen die schönsten Rosse großgezogen. Solche und ähnliche Geschichten erzählt man sich von den Leuten an der Waterkant noch viele. Doch ich werde mich hüten, mehr davon zu berichten, sonst könnten sie am Ende gar noch böse auf mich werden.

 

Zurück