Metenfäden

Kategorie: Klönschnack
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Wenn in einer klaren Nacht der Vollmond am Himmel steht, kann man mit freiem Auge mitten in der hellen Scheibe einen Schatten erblicken, der der Gestalt eines Menschen nicht unähnlich ist. An diese Erscheinung, die in Wirklichkeit von den Gebirgen des Mondes herrührt, knüpfen sich viele Sagen, und wohl die bekannteste ist die vom „Mann im Mond“, der sich am Sonntag ein Bündel Holz aus dem Walde geholt habe und zur Strafe dafür auf den Mond verbannt worden sei.
Die Leute hier aber erzählen sich eine andere Geschichte:

Vor vielen, vielen Jahren lebte unweit des Meeres in einem Bauernhof ein Mädchen, das über die Maßen schön war. Leider aber stand sie lieber vor dem Spiegel und kämmte sich die Haare und putzte sich, als dass sie die Hände zu nützlicher Arbeit geregt hätte. Und wenn die Mutter sie zum Spinnen anhielt, setzte sie sich zwar an den Rocken, bewegte aber kaum ihre Finger und spann nur Gedanken und Träume in die blaue Luft hinein. In die Spinnstube ging sie trotzdem nicht ungern.
Aber nicht etwa, um fleißig ihr Rädchen zu drehen, sondern nur der jungen Burschen wegen, die die Mädchen dort zu besuchen pflegten. Sie machte ihre Späße mit ihnen, während sich ihre Freundinnen nicht von der Arbeit abhalten ließen. Und so verging ein Winter um den andern, ohne dass sich ihre Truhe zur Hochzeitsaussteuer mit Leinenzeug gefüllt hatte.

Darüber war die Mutter sehr ungehalten. Doch ob sie ihr nun gute Worte gab oder böse, die Tochter änderte sich nicht. In einem Winter nun hatte sie es besonders arg getrieben, und als es Frühling ward und die Rocken der anderen Mädchen sich schon oft geleert hatten, hing an dem ihren noch immer die erste Flachssträhne. Aber das kümmerte sie wenig. Die letzte Spinnstube kam, bei der nun mit den Burschen getanzt und gescherzt wurde, und das Mädchen, ganz toll vor Ausgelassenheit, hatte nicht Raum genug in den engen vier Wänden, sondern tanzte auf die Straße hinaus.
Die Burschen aber, hingerissen von ihrer Schönheit und ihrem Übermut, liefen ihr nach, drehten sich im Kreise mit ihr und sangen und jubelten in die Stille der Nacht hinein, dass man es weithin hören konnte. So vernahm auch die Mutter des Mädchens in ihrer Schlafkammer den Lärm, und sie stand aus dem Bett auf und trat ans Fenster. Und als sie die Tochter allein inmitten der Burschen tanzen sah, rief sie in großem Zorn:
„Ich wollte, du flögest in den Mond hinauf! Das wäre mir lieber, als dass du dich hier so schamlos herumtreibst!“

Da verstummte der fröhliche Lärm mit einem male, und es wurde totenstill. Und aus der Stille erhob sich ein heftiger Wind, und aus dem Wind wurde ein Sturm. Er erfasste das Mädchen und hob es höher und immer höher – bis in den Mond hinauf. Und dort sitzt sie nun noch heute und muss spinnen bis in alle Ewigkeit. Im Spätsommer aber sinkt ihr Gespinst zur Erde nieder: feine weiße Fäden, die vom Wind durch die Lüfte geweht werden. Und die Kinder haschen danach und nennen sie „Metenfäden“, das heißt „Mädchenfäden“.

 

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